Lektion 31 oder Das rasende Monstersofa

Ich hielt inne ... und ... nun, ja ...

Also, es war groß, grün und nahm den mit Abstand meisten Platz in diesem nicht gerade kleinen Zimmer ein. Jedoch war es keinesfalls diese Gegebenheit, die meine berechtigte Sorge erweckte. Diese bestand viel eher in der Tatsache, dass sich dieses ES in genau diesem Moment Karel, Joscha und Riva einverleibte! – Diese aber störten sich nicht einmal daran!

„Du kannst einfach hineingehen“, hörte ich Ammelle sagen. Als sie meinen entsetzten Blick, den zum Buckel gekrümmten Rücken und meinen bis zur Schwanzspitze gesträubten Pelz bemerkte, fügte sie hinzu, „Das ist nur ein dreigliedriges Polstersofa mit rasengrüner Feinsamtbeziehung ...“

Ein rasendes Monstersofa?!“ Ich sprang einen ordentlichen Satz zurück. Doch kaum hatte ich wieder Boden unter meinen Pfoten, sah ich, wie die Köpfe meiner drei menschlichen Begleiter mit ihren Gesichtern ungelenk zu mir herum rotierten. Den Rest von ihnen hatte dieses grüne riesenhafte Ungetüm längst mit Haut und Haar verschlungen und – ja, und Joscha versank plötzlich ganz und gar darin und ... und ... – Er lachte?

„Ha! Die Bezeichnung solltest du in deine Kataloge schreiben“, prustete mein Assistent, „Ich sehe es schon vor mir, wie sich diese überreichlich gut betuchten Möchtegernabenteurer damit brüsten, es eigenhändig im garniturischen Sprungfederdschungel samt Jungtiersessel erlegt zu haben.“

„Du redest wiedereinmal Unsinn, Joscha“, entgegnete die barfüßige Menschendame in der langen Robe routiniert. „So, und jetzt komm, mein Kleiner. Setz dich zu uns, damit wir uns endlich unterhalten können.“

Bevor ich mich von meinem Schock erholen oder das Gesagte wenigstens für mich selbst verarbeiten konnte, hatte Ammelle mir längst um die Brust und unter die Vorderläufe gegriffen. Völlig überrumpelt trug sie mich an ihre ungewöhnlich füllige und weiche Brust gedrückt, bis sie mich ohne jede Vorwarnung auf die breite und sehr langgezogene waagerechte Oberfläche im erstaunlich unspektakulären Inneren des Monstersofas absetzte.

Gerade mal gewahr geworden, wo ich war, bemühte ich mich selbstverständlich umgehend, mich so weit wie möglich von diesen grasgrünen Ungeheuerdingsda zu entfernen.

Das tatsächliche Resultat dieser Anstrengungen sah letztendlich allerdings so aus, dass ich mich statt von diesem Unding lediglich von meinen eigenen Zehenspitzen distanzierte. Ich machte meine Beine so lang und gerade, wie ich es nur konnte, wobei ich einen beträchtlichen Teil meiner Mühen darauf zu verwandte, dass ich nicht versehentlich zur Seite kippte. Dass sich mein Fell unterdessen bis zum Bersten stäubte, war zwar nur ein eher intuitiver Nebeneffekt, aber schon auch eine mir sehr willkommene Vorsichtsmaßnahme. Wenn einen schon etwas verspeisen oder so ähnlich wollte, konnte es ganz gewiss nicht schaden, möglichst unappetitlich, wenn nicht sogar schwer verdaulich auszusehen ...

Erst nachdem ich eine stabilere Haltung gewonnen und die Gelegenheit mich umzusehen bekommen hatte, entdeckte ich, dass Karel, Joscha und Riva doch nicht gefressen worden waren. Ruhig, erkennbar amüsiert und von Kopf bis Fuß vollständig saßen sie auf der langen und in zwei scharfen Winkeln zur Seite abknickenden Ebene, auf welcher auch ich unweigerlicher Weise festhockte. Ammelle hatte es sich dagegen auf einer ebenfalls im Raum befindlichen Miniaturausgabe dieses Monstersofas bequem gemacht. Sie werkelte an einem zugleich durchsichtigen und farbenfrohen Gefäß herum, welches mitten auf dem niedrigen Tisch stand, der sich wiederum mitten in dem kantigen Zentrum zwischen Monstersofa und dessen – wie Joscha es nannte – Jungtier aufhielt.

„Wenn ihr möchtet, bedient euch“, sagte die beleibte Menschenfrau und schob sich eine rote Perle in den Mund. Sowohl Riva als auch Karel folgten ihrem Angebot und entnahmen dem durchsichtigen Gefäß eine je ein blaue beziehungsweise gelbe Perle. Joscha jedoch hielt sich zurück und beobachtete nur, wie ich neugierig in Richtung Schale schnupperte, aber rasch jedes Interesse an dem sauersüßlichen Geruch dieser bunten Kugeln verlor.

„Joscha, möchtest du mir deine Begleiterin und deinen Begleiter nicht vorstellen?“, sprach die Menschendame zuckersüß und doch geduldig.

„Gern.“ Der Angesprochene setzte sich in eine gerade Haltung. „Ammelle, das sind Karel Mutwill, ein Kommilitone von mir, Riva Mari, sie arbeitet in der Bibliothek und hat noch etwas gut bei mir, und Tyrrin kennst du ja bereits.“ Während er sprach, wies er jeweils in die Richtung des oder der Erwähnten. „Karel, Riva, das ist Ammelle Lichtenberg, eine enge Freundin meiner Familie.“

„S-sehr erfreut.“

„Es freut mich ebenso“, erwiderte Ammelle Karels Bekundung. Riva dagegen nickte nur, was der Hausherrin aber keineswegs entging.

„Ein paar illustre Freunde hast du dir zugelegt, mein bester Joscha.“ Die Menschendame setzte ein süßlich verzwicktes Lächeln auf. „Magst du mir verraten, was mir diese besondere Ehre ihrer Bekanntschaft bereitet? So mancher Student hat wohlweislich schon einmal einen Kommilitonen zu seiner Patentante eingeladen. Doch der kleine sprechende Kater und eine Mondlechin in enmärkischer Haftkleidung und mit einem reumütigen Ausdruck ...“


Ich merkte auf, da mir natürlich nicht entging, dass gerade über mich geredet wurde. Diese ungewöhnlich weichen grasgrünen Polster dieser fremdartigen Zusammenfindung aus einer übergroßen Bank und einem Bett hatte mich versehentlich von dem menschlichen Geschehen abgelenkt. Mit höchster Vorsicht war ich auf diesem dicken federweich aufgeplustertem Polster umher getastet – unschlüssig, ob ich gut oder schlecht von diesem Ungetüm zu denken hatte. Dennoch war es ohne Frage weich und mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so – ja, so unbeschreiblich weich, dass ich geradezu darin versinken wollte ...


Riva war auf ihrem Teil des Polstersofas nach vorn gerückt und erweckte den Eindruck, wenn nötig auf Ammelle zuspringen und diese – weshalb auch immer – umgehend besiegen zu wollen.

„Nur ruhig“, hielt die korpulente Menschendame ihrer bleichen Artgenossin entgegen. „Dir wird hier nichts geschehen. Ich bin von Natur aus neugierig und über mehr im Bilde, als die meisten Menschen in dieser Stadt von sich behaupten können. Nun – und was Joscha anbelangt ... Da überrascht mich nicht mehr viel.“

„Was willst du denn damit sagen?“, protestierte Joscha, wenn auch mit wenig Nachdruck.

Riva hingegen verlor weder ein Wort, noch legte sie ihre Anspannung ab. Insbesondere ihr letzteres Verhalten konnte ich nun so gar nicht nachvollziehen ...


Nur beiläufig nahm ich wahr, dass mich das dicke, weiche Polster immer tiefer in seine Kuhle zog, die es um mich herum gebildet hatte. Eine höchst angenehme und bequeme Kuhle, wie mir eingestehen musste.


„Ich möchte dich nur bitten, Riva auf deine nächste Geschäftsreise mitzunehmen“, erklärte Joscha mittlerweile kleinlaut. „Wir haben da eine kleine Abmachung ...“

„Dir ist klar, dass man früher oder später nach einer Entflohenen suchen wird?“, merkte Ammelle ernüchtert an. Doch dann strich sie sich eine Locke aus der Stirn und seufzte. „Aber ich kann mir sehr gut ausmalen, dass du wieder einmal deine hoffentlich sehr guten Gründe für so etwas hast.“

„Jawohl, die habe ich“, bestätigte mein Assistent mit ehrlich ernstem Nachdruck.

Ammelle nickte und lehnte sich in ihren Polstersitz zurück. Sie musterte Riva einige Zeit – und Riva musterte Ammelle nicht weniger unauffällig.

„In der Bibliothek also ...“, meinte die rundliche Menschendame schließlich.

„Im Maggasin“, präzisierte Riva ruhig. „Ich kümmere mich seid vir Jaren um di Buchwaggenanlagge ...“

„Eine bewährungspflichtige Inhaftierte in gemeinnütziger aber teils einschränkungsfreier Diensthaft“, murmelte Ammelle, „Und dann auch noch aus Mondlech ...“

„So ist es.“ Rivas Stimme klang nach wenig Bereitschaft, diese Unterhaltung nur einen Moment länger als nötig fortzusetzen.

„Ich denke, ich habe vor einigen Jahren schon einmal von dir gehört.“ Ammelle neigte abwägend den Kopf zur Seite.

„Hast du?“, bemerkte Joscha sichtlich überrascht.


Irrte ich mich oder sorgte dieses weiche, behagliche Polster unter mir dafür, dass mir langsam aber sicher die Augen träge wurden ...


„Es gibt nicht viele Mondlechinnen in Redberg, die zu lebenslanger Inhaftierung verurteilt wurden“, erklärte die Menschendame und wandte sich erneut an Riva, „Du hast nach deiner Aufnahme in Enmak bei Redestahlmetall gearbeitet, habe ich recht?“

„Ich wurde dord sur Ausbildung als Meddalfachkrafd eingedeild, ... ja.“ Riva betrachtete sie sowohl überrascht als auch unruhig. „Abber dann ...“

„D-du hast b-bei dem größten M-m-metallverarbeiter i-in Enmak g-gearbeitet?“

„Schon gut“, lenkte Ammelle ein und entblößte ein spitzes Lächeln auf den weichen Zügen ihres Gesichtes. „Ich denke“, sie zwinkerte Riva zu, „wir beide wissen, in welcher Form das Metall dort verarbeitet wird und in was für einer Gestalt es anschließend nach Mondlech und ähnliche Regionen der Welt gelangt.“

Riva betrachtete sie völlig regungslos und schwieg.

„Wäre ich an deiner Stelle gewesen, hätte ich vermutlich nicht anders gehandelt“, fuhr Ammelle fort. „Dennoch habe ich eine Frage, um deren Antwort ich dich bitte, bevor ich dir meine Unterstützung vollends und guten Gewissens zusagen kann.“

„Nurr su“, sagte Riva so leise, als würde sie nicht recht glauben, was sie hörte.

„Sag, Riva Mari.“ Ammelle sprach in eigenartig klarem Ton, „Auch ich kenne über diesen einen Vorfall nur Gerüchte, wenn auch aus glaubwürdiger Quelle. – Sag, sind bei diesem Vorfall Menschen verletzt worden oder gar um ihr Leben gekommen?“

„Von was für einem Vorfall sprichst du?“, wollte Joscha wissen, aber seine Patentante gebot ihm mit einer deutlichen, aber freundlichen Handbewegung zu schweigen.

Riva atmete tief durch, entspannte sich allerdings immer noch nicht, da sie konzentriert nach einer passenden Antwort suchte.

„Mirr wurde gessagd, dass swei der Nachdwächder mid Verledsungen ins Hospiddall gebrachd werden musden. Abber si warren meines Wissens nurr leichd verledsd und es warr auch nichd meine Absichd gewessen, dass jemmand dabbei su Schadden kommd.“ Riva senkte eine kurze Weile ihren Blick. „Ich beddaure ser, was inen sugestossen ist. Berreids in Mondlech hadde es suvorr schonn mer als gennug Opfer gegebben. Abber ...“ Die bleiche Menschenfrau unterbrach sich in ihrem eigenen Satz.

„Aber es war nötig, um weitere Opfer zu verhindern“, fügte Ammelle an ihrer statt hinzu. Die Menschendame lächelte gutmütig. „Du hast Glück. Ich breche morgen zu einer Geschäftsreise über Alchefurt und ein paar andere Hafenstädte nach Man-Kai auf. Irgendwo auf diesem Weg sollten wir eine Richtung finden, in welcher du unbehellgit deinen eigenen weiteren Kurs beschreiten kannst. – Und ich denke auch, dass wir unterwegs für dieses hässliche Möbelstück, das ihr mir beschert habt, einen angemessenen Ort zur sicheren Aufbewahrung finden ...“

„Du weißt, was das für ein Tisch ist?“, staunte Joscha.

„Mein lieber Patensohn, ich handle nicht erst seit dem gestrigen Tage mit Möbelstücken jeder Art“, wies Ammelle den jungen Menschenmann zurecht. „Wer mit guter Ware handelt, handelt nicht selten auch mit den unterschiedlichsten Raritäten und Antiquitäten. Und gewiss, Joscha von Hegenberg. ich weiß sehr wohl, was für ein Kasten das auf diesem Schreibpult ist und für welche prekären Machenschaften so mancher ihn verwendet.“

„Du ... du willst sagen ...“

„Ich weiß nicht, was du vorhast, junger Mann“, setzte die Menschendame ihre Rede unbeirrt und in einem Ton der fürsorglichen Strenge fort, „aber ich gehe wohl recht in der Annahme, dass es etwas mit deinem Onkel und dieser Organisation zu tun hat. Und glaube bloß nicht ...“

„Libe Frau Ammelle ...“, unterbrach Riva ungewöhnlich zurückhaltend den maßregelnden Redeschwall der aufgebrachten Menschenfrau. Mit unerwartetem Erfolg.

„Ja, meine Gute?“, reagierte die Angesprochene prompt und in einer völlig anderen – ja, behutsam sanften Art und Weise.

Auch mir entging nicht, dass soeben wieder einmal etwas geschehen war. Was genau wusste ich zwar nicht, weil ich aus meiner bald dämmerschlafnahen Verfassung nur schleppend zur Besinnung fand. Aber sowohl Karls als auch Joschas nachdenkliche Mienen verrieten mir, dass ich mit meiner Vermutung gar nicht so falsch liegen konnte.

Dann entdeckte ich, dass Riva, dieser zweifellos starken Menschenfrau, dünne Linien von Wasser über die blassen Wangen rannen.

„Libe Frau Ammelle“, sprach sie unter einem eigenartigen und seufzerähnlichen Schlucken. „Ich danke dirr.“

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