Lektion 33 oder Das Temporalsymposium von Redberg

„Werter Herr von Hegenberg. Werter Herr Mutwill. – Wertes Katzentier.“

Da war er, dieser beharrende Blick, der schon einmal eine Menge Ärger und nicht zu vergessen die Begegnung mit einer gewissen Schmatzkröte bedeutet hatte. Alles in allem also wenig Gutes, wenn nicht mein heutiger Assistent vorbeigekommen wäre. Karel war seiner Zeit zwar auch vor Ort gewesen, nur hatte er als Hilfe nicht sonderlich viel getaugt.

Ja, und jetzt ... Jetzt war Karel gleichwohl zugegen und gleichermaßen wenig hilfreich. Denn auch ihm hatte der Anblick des alten in dunkelstes Schwarz gekleideten Personalmenschen einen derartigen Schrecken eingejagt, dass mein Mitbewohner nicht einmal mehr meine empörten Krallen in einem Arm bemerkte.

Auch mein – wiederholt soeben auf Bewährung gesetzter – Assistent versprach bei dieser Begegnung mit dem alten, hintertückischen Menschenmann weit weniger nutzbringend zu sein, als beim letzten Mal. Schließlich war er es ja gewesen, der mich, sich selbst und Karel erst in diese missliche Lage gebracht hatte. – An und für sich fehlte es mir jetzt nur noch, dass von irgendwoher plötzlich wieder so ein Hutmensch auftauchte ...

„Oh, Brettwood, Sie hier? – Erhem, ich meine: Guten Tag.“ Wenigstens bemühte sich mein Assistent. „Sie interessieren sich auch für ...“ Joscha blickte kurz auf den bunten Zettel, dem er anscheinend seine gesamte Orientierung im Hinblick auf diese bizarren Räumlichkeiten entnahm. „... für moderne ... Zeitmessungsmethoden und ... -verfahren ...?“

„Nicht doch.“ Der alte Menschenmann keuchte, was – wie ich annahm – seiner Art zu lachen gleichkam. „Ich bin nur im Auftrag Ihres Onkels zugegen und pflege für das eine oder andere Sorge zu tragen, werter Herr.“ Der Blick des Personalmenschen landete erneut auf mir. „Welch unerwartetes Wiedersehen.“

„Das ist nicht gut“, flüsterte ich zu Karel ohne meine Augen auch nur einen Moment von dem Alten abzuwenden.

„Hm-hm ...“, nickte mein Mitbewohner mit erkennbarem Unbehagen in seinem Blick.

Ich für meinen Teil bevorzugte hingegen eine möglichst finstere Miene. Sollte dieser Personalmensch doch ruhig wissen, welche Meinung ich von ihm hatte!

Der Alte keuchte noch einmal.

„Erchem.“ Joscha packte Karel am Oberarm. „Bitte entschuldigen Sie uns, Herr Brettwood.“ Mein Assistent lächelte einstudiert. „Doch wir möchten den Anfang der Veranstaltung nur ungern verpassen ...“

Der runzelige Personalmensch neigte langsam seinen Kopf, was Joscha offenbar als eine Form der Zustimmung interpretierte, denn er zerrte Karel – und damit auch mich – sogleich an ihm und einer beredt plaudernden Gruppe von Menschenmännern vorbei. Ich stellte fest, dass einige von diesen so eine eigentümliche Zeichnung im Gesicht besaßen und dass diese Markierungen außerdem je nach Haartönung und anscheinend auch Alter in ihrer Farbgebung von dunkel bis weiß variierten ...

„Benehmt euch möglichst unauffällig“, raunte uns Joscha zu, kaum dass wir das nächste Zimmer betreten hatten. Ich entdeckte weitere Menschen, genau genommen waren es ausschließlich Menschenmänner, die sich in dem Raum an nicht ganz brusthohen Tischen, wie sie schon im Vorraum gestanden hatten, drängten. Ein beißend süßlicher und bitterer Geruch lag in der Luft. Hier und da roch es sogar sehr verdächtig nach – ich nenne sie mal – menschlichen Aromen, die zumeist nach den Mahlzeiten auftraten. Lautes Gerede von vielen betont tiefen Stimmen und grobes Gelächter erfüllten diesen Raum.

Ich gebe zu, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, jetzt vermisste ich das schallend Ticken und Klacken. Dieses war in seiner nervtötenden Art wenigstens klar, strukturiert und vorhersehbar gewesen ... Aber je länger ich in diesem Zimmer weilte, desto unwohler fühlte ich mich. – Und das lag nicht an der sogar recht freundlichen Gestaltung dieses Raumes mit seinen hellen Farben und dem großen Fenster in der Decke. Es war dieser Schlag von Menschen, der mir nicht behagte, und ich begriff allmählich, warum der Mann mit den Stielaugen es vorgezogen hatte, diesen Ort hinter dem zweiten Eingang zu vermeiden.

„Ich mag es hier nicht“, teilte ich meinen Begleitern meine Meinung mit.

„Keine Sorge“, antwortete Joscha, „Sie sind nur etwas angeheitert.“ Er sah sich kurz mit fliehenden Augen um und dann erneut zu uns. „Da vorne.“ Er deutete verhalten in die linke Ecke der Stirnseite dieses Raumes. „Das müssen die Marktländer sein.“

„Die Marktländer?“, wiederholte ich und reckte mich in Karels Arm nach oben, um besser sehen zu können. Auch Karel machte sich ein gutes Stück größer als er war.

„Doch nicht so auffällig ...“, zischte Joscha, worauf Karel prompt um einen Kopf schrumpfte.

„E-entschuldige.“

Joscha rollte mit den Augen, lenkte seine Aufmerksamkeit jedoch sogleich wieder auf das Geschehen in dem entfernten Teil des Raumes. Sowohl Karel als auch meine Wenigkeit folgten seinem Blick – dieses Mal weniger offensichtlich, versteht sich.

Und tatsächlich. Ich entdeckte eine Gruppe von Menschenfrauen. Es waren vier, vielleicht fünf – in dem Gemenge konnte ich es nicht genauer sehen. Außerdem unterschieden sich die Frauen in ihrer Kleidung wie auch in ihrem Gehabe nicht sonderlich von den anderen Anwesenden männlichen Geschlechts. Dennoch war da etwas an ihnen, das ich vor gar nicht all zu langer Zeit schon einmal gesehen hatte ...

„Das sind ja die Frauen ohne Gesicht“, flüsterte ich voller Erstaunen. Jawohl, das waren eindeutig Menschenfrauen, denen ein echtes Antlitz – oder so – fehlte, sodass sie es sich mit einer dicken, sämigen Paste und farbigen Püderchen aufzumalen hatten, damit sie einander erkennen konnten. So, oder wenigstens so ähnlich, hatte es mir Old Lady bei unserer ersten Begegnung mit der einen Frau ohne Gesicht erklärt, die meine Schwester Sissi bei sich aufgenommen hatte.

Aber dann ... Ja, aber dann! Jawohl, als hätte ich es gewusst ...

„Da ist ein Hutmensch!“, pfiff ich scharf und die Lautstärke meiner Entrüstung mit größter Mühe kontrollierend. Obwohl, bei all dem Lärm hier, wäre das den anderen Menschen ohnehin nicht aufgefallen.

„Ach, schaut mal.“ Joscha strahlte. „Das muss der Bote des Grauen Weihers sein.“

„M-m-m-m-meinst du ...?“

„Doch. Das ist ein Hutmensch“, beharrte ich. „Seht ihr das denn nicht?“

Mir wurde heiß und kalt, da mir meine letzte Begegnung mit dieser speziellen Sorte Mensch noch immer im Gedächtnis nachhing. Ohne jeden Grund und ohne jede Entschädigung hatten sie mir meinen wunderbaren Spiel-, Spaß- und Freude-Kratzbaum nehmen wollen! Diese Unmenschen!

„Gutgemacht, Tyrrin“, sagte Joscha, „Da! Sie verschwinden dort durch den Seitenzugang, dort neben der Leinwand für die Bildprojektion.“

Wieder ergriff er Karels Arm und zerrte uns durch die von unserem Gedrängel zumeist nicht erfreute Menschenmenge.

Doch da ... Täuschte ich mich oder waren wir nicht alleine mit unserem Anliegen? Nicht weit von uns machte ich einen Menschenmann aus, der – wie ich fand – nicht in das Bildgefüge zu den anderen Menschen in diesem Raum hier passte. Ähnlich wie wir schloss er zielgerichtet nach vorne auf. Überdies stellte er sich dabei lange nicht derart unbeholfen an, wie es meine beiden Begleiter taten. Er bewegte sich routiniert behände, um nicht zu sagen, erstaunlich galant. Zudem war da noch etwas an ihm, das anders war und mich verstörte.

Aus seinem Gesicht sprach ein erbittert tiefer und angestrengter Ernst, wie er mir bisher noch nie begegnet war. Auch mit der einen Seite seines Oberkörpers – oder war es sein Arm oder seine Schulter? – stimmte etwas nicht. Trotz seiner Beweglichkeit waren seine Bewegungen hier ungewöhnlich steif und die Art, wie seine Kleidung über den besagten Bereich seines Körpers fiel, machten den Eindruck, als würden sie etwas recht großes, kantiges und sehr schweres, das irgendwie an ihm hing, verbergen ...

„Nun komm schon, Karel“, wies Joscha meinen Mitbewohner in unruhiger Hast zurecht, wobei er sich für einen kurzen Augenblick zu diesem umwandte. „Wir müssen ihnen folgen, bevor der Redner mit dem Vortragsprogramm beginnt, sonst fallen wir zu sehr auf.“

Ehe Joscha sich aber wieder auf den Weg nach vorn begeben konnte, fasste diesmal Karel nach dem Arm meines Assistenten und zog sich – wie immer voller Sorge dreinblickend – an ihn heran.

„W-weißt d-du ü-ü-ü-überhaupt, w-was wir d-d-da drinnen w-wollen?“

„Ja, genau“, pflichtete ich meinem Mitbewohner ausnahmsweise einmal bei, „Diese Menschen wissen ganz bestimmt nichts von Old Lady. Und ich will auch gar nicht, dass sie etwas von Old Lady wissen!“

Joscha betrachtete mich mit einem eigenartigen Ausdruck.

„Vielleicht hast du recht, Tyrrin“, gab er zu, „Es tut mir leid, dass ich nicht ganz ehrlich zu dir gewesen bin. – Aber ich habe wirklich sehr wichtige Gründe, die für mich genauso bedeutsam sind, wie es für dich das Finden von Old Lady ist. – Verstehst du das?“

„Ich ... denke schon ...“, meinte ich zögernd.

„Ich will nur aufdecken, was genau dort in diesen dunklen Hinterzimmern vor sich geht. Die anderen Menschen in Redberg und ganz Enmark sollen von den zwielichtigen Machenschaften des Grauen Weihers erfahren, damit seine Mitglieder endlich für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden.“

„J-joscha ...“

„Mehr will ich dort wirklich nicht.“ Die Sprechweise meines Assistenten gewann mehr und mehr an Geschwindigkeit „Wir gehen ganz leise hinein, sehen uns das Geschehen heimlich und nur eine kurze Weile an, hören gut zu und machen uns dann schleunigst aus dem Staub, um die Stadtordnung zu informieren, ehe die Veranstaltung zu Ende ist. Doch zunächst müssen wir Beweise und Informationen haben. Das ist schon alles. So viel verspreche ich euch.“ Aus seinen Augen sprach ein ungestümes Flehen. „Aber bitte, lasst uns jetzt endlich weitergehen. Die Zeit drängt.“

„E-e-einverstanden“, nickte Karel, „W-wir machen n-nicht m-mehr und nicht w-weniger.“
Die Blicke meiner beiden Begleiter landeten auf mir.

„Na gut“, murrte ich, immer noch voller Unmut in Anbetracht dieses Ortes und der Menschen, die sich hier versammelt hatten. „Aber danach suchen wir wirklich nach Old Lady.“

„Das machen wir.“ Joscha lachte leise und klopfte mir zuversichtlich mit der flachen Hand auf meinen Kopf. Dann schnappte er sich mit derselben Hand abermals Karel Arm, um uns erneut voran zu ziehen.

Diesen anderen Menschenmann, der ebenfalls wie wir so dringlichst nach vorn gegangen war, hatte ich unterdessen zur Gänze aus meinen Augen verloren. Andererseits entging mir nicht, dass die Tür, durch welche die Frauen ohne Gesicht und der Hutmensch den Raum verlassen hatten, gerade eben zuklappte.

Wenige Augenblicke später waren auch wir am Rand der Menschengruppe angelangt und passierten einen merkwürdigen Kastenapparat, der die Stirnseite der Zimmers großflächig mit einem hellen Licht beleuchtete. Im Vorbeieilen beobachtete ich, wie sich ein eher unscheinbarer und merklich schlecht gelaunter Menschenmann daran zu schaffen machte. Doch da waren wir auch schon an diesem leicht erhöhten Plateau und dem darauf befindlichen dunkelbraunen Pult angelangt, das in mir die Erinnerung an diesen Tisch mit dem mysteriösen Würfelkasten weckte – nur dass es ihm in diesem Fall eben an dem Kasten fehlte. Wir passierten das Plateau, welches meinen Begleitern in etwa bis zu den Knien reichte, raschen Schrittes an der Seite, bis auch wir die unscheinbare Tür erreichten.

Wie es seiner Art entsprach, fackelte mein Assistent nicht lang und schlüpfte – Karel und mich unentwegt hinter sich herzerrend – aus dem mit Menschen dicht befüllten Raum hinaus und schloss den Durchgang sogleich hinter uns.

Zu meiner Überraschung landeten wir nicht wieder in einem großen lauten Saal, sondern in einer recht schmalen, aber durch die großen bis zur Decke reichenden Seitenfenster hellen Kammer. Diese führte über eine filigran gestaltete Treppe aus zahllosen Metallstangen und Blechen an der Wand hinter der Stirnseite des großen Raumes geradewegs zu einer weiteren und gleichermaßen unscheinbaren Tür hinauf.

„Dort oben“, rief Joscha mit aufgeregter Anspannung in der Stimme. „Das muss der Raum für das Treffen zwischen der marktländischen Delegation und dem Grauen Weiher sein.“

„U-und d-du bist s-sicher, dass w-wir ...“

Aber mein Assistent wartete nicht, bis Karel ausgeredet hatte und schlich – für einen Menschen unerwartet zügig – die Stufen hinauf. Mein Mitbewohner folgte ihm, wenn auch nur widerwillig und keineswegs derart wendig. Mich lies dieses ungute Gefühl ebenfalls nicht los. Ja, in der Tat verstärkte es sich sogar, als ich vernahm, wie plötzlich menschliche Stimmen hinter der Tür vor uns ertönten. Nie zuvor hatte ich die menschlichen Laute in so einem Ton gehört. Ihre Sprache an sich ließen das Holz der Tür und das sie umgebende Mauerwerk nicht zu uns hindurch. Dennoch waren die Stimmen laut. Einfach nur laut, um nicht zu sagen schrill.

Unbeirrt und von all dem offenbar gar nichts ahnend eilten Joscha und Karel die Treppe weiterhin hinauf. Gerade eben hatten sie knapp die Hälfte ihres Weges hinter sich gebracht, da ...

Chuuuuuummmmmmmmmmb!

Ein eisig kalte Welle durchfuhr mich wie ein einmalig pulsierender Schlag und raubte mir jede Orientierung. Ich nahm wahr, wie sowohl Karel als auch Joscha wankten und das Gleichgewicht verloren. Beiden gelang es jedoch noch gerade so, sich an dem Geländer der Treppe fest und damit aufrecht zu halten.

Karel stöhnte und ich für meinen Teil hatte größte Mühe, mich bei Bewusstsein zu erhalten. Ich sah zu Joscha, der benommen hustete und keuchte. Hinter ihm jedoch sah ich noch mehr ...

Ich beobachtete, wie sich die Tür am oberen Ende der Treppe öffnete und ein Mann – ja, ein Menschenmann fast ohne Kraft und in dunkelrot durchnässter Kleidung hervortrat und wie ein Stein auf uns hernieder stürzte.

>> weiter geht's am 30. November 2017 mit Lektion 34 (Band 2) >>

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