Lektion 35 oder Jemandes Zuhause

„Pöh, pöh! Na, hoppla!“

Kopfüber purzelte ich hinaus und drehte mich mehrere Male um mich selbst, bevor ich endlich doch zur Ruhe kam und wieder unten von oben zu unterscheiden vermochte.

„Pöh, pöh, pöh! Buähähäh ... Haare ...“, spuckte eine tief brummelnde Stimme. „Ich mag doch keine Haare ... Pöh!“

„Wer ist da?“ Immer noch etwas schwindelig wandte ich mich in ihre Richtung, entdeckte bis auf einen – nun, ich denke, es war ein – Baum nichts, das sich hätte zu Wort melden können.

„Pöh! Pöh! Ich gehe davon aus, dass du dich verirrt hast?“

Mein Blick fiel jetzt wirklich auf diesen ... ja eben diesen Baum. Dabei sah er nicht unbedingt nach den Bäumen aus, die ich bisher von Karels und meinem Zimmer aus gesehen hatte. Schön. Er hatte diese Blätter, Äste und sogar einen verhältnismäßig dicken, knorrigen Stamm mit einer regelrecht grob zerfurchten Borke. Das was mich verwunderte, lag jedoch eher darin begründet, dass der Baum allerhöchstens dem Doppelten meiner eigenen Körpergröße entsprach und – anstelle der gewöhnlich grünen – glänzend schwarze, vierfach gezackte Blätter und dazu eine silbrig dunkelgraue sowie in ihren Schattierungen gleichermaßen schwarz melierte Rinde aufwies, die sich, wenn ich mich nicht täuschte, wie Wasser in langsamen längs verlaufenden Wellen bewegte.

Schon ... Als ich mich genauer umsah, bemerkte ich, dass es in meiner näheren Umgebung nicht nennenswert heller oder farbenfroher war. Die gleichsam schwarz bis graue Erde fühlte sich unter meinen Pfoten zudem eigentümlich weich und puderig an. Sie glich eher einem festgetretenem Nebel, der bei zu schnellem Schritt vom Boden aufzuwirbeln drohte.

In nicht all zu großer Ferne entdeckte ich weitere, sehr ähnliche Baumgewächse, die in ihrer genauen Form von dem Exemplar vor mir zwar abwichen, aber zweifelsohne der gleichen Farbgebung entsprachen.

Viel mehr Rätsel gab mir jedoch der Himmel auf. Ich war mir sicher, dass es bis zum Einbruch der Nacht noch eine Weile dauern musste. Und trotzdem. An diesem Firmament war weit und breit kein Licht zu sehen. Andererseits entdeckte ich genauso wenig diese hellen Punkte und das große weiße, sich ständig in seiner Form wandelnde Himmelsding. Auch waren da oben keine Wolken zu erkennen, die eventuell das Licht verdeckten. Stattdessen hatte ich den Eindruck, als würde eine Art violett glühender Nebel weit hinter dem eigentlichen Himmel liegen. Und in der Tat, sobald ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass sich auch dieses Glühen langsam und in sich selbst wellenartig vermischend bewegte.

„Du stammst aus einer dieser soliden Welten, nicht wahr?“, fragte die tiefe Stimme.

„Wa-was?“, fuhr ich wieder zu ihr herum. Doch es stand weiterhin nur dieser kleine Baum vor mir, der, wenn ich es nicht besser zu meinen wüsste, gleichmäßig zu atmen schien.

„Wer spricht da?“

Ich traute mich nicht, mich darauf festzulegen, ob ich mich fürchten oder beruhigen sollte. Die Ereignisse von dieser knatternden Menschenschau steckten mir immer noch zutiefst in Mark und Bein. Trotzdem vermittelte mir dieser Ort, obwohl er ja so andersartig war, keineswegs ein Unerwünschtsein oder Unbehagen. Es was viel mehr, als wäre ich in jemandes Zuhause angekommen.

„Die Gewächse deiner Welt scheinen gleichwohl zu den Soliden zu gehören ... Pöh!“, hustete die Stimme. „Ebenso wie deine Haare ... Pöh, pöh ...“

„Wer – spricht – da?!“, wiederholte ich dieses Mal mit Nachdruck.

„Da schaust du mich an und siehst mich doch nicht“, beklagte die Stimme amüsiert.

Ich sah. Ich sah diesen Baum. ... Da war niemand!

„Hä? – Oh, ich meine: Wie bitte?“

„Du sollst hinsehen.“

Ich sah nochmals hin. Jawohl, ich sah ganz genau hin.

„Nicht schielen, sondern hinSEHEN“, rief die Stimme ungeduldig.

„Aber da ist nur dieser öde Baum!“, protestierte ich.

„Was glaubst du denn, wer sonst hier mit dir redet?! – Öder Baum ...“

„Ach, du bist der Baum ...?“ Ich betrachtete das Gewächs zum wiederholten Mal und nun auch äußerst skeptisch. „Ein Baum also.“

„Ich war es, die dich unter größten Mühen und Anstrengungen hier hergebracht hat“, beschwerte sich der Baum – und ich gewann den Eindruck, dass die schwarzen gezackten Blätter an den Ästen aufgeregt zitterten. „Außerdem bin ich kein Baum, sondern eine Briske. Verstehst du? Eine Bris-ke!“

„Äh ...“, überlegte ich, bevor ich mich besann, in was für einer Situation ich mich hier eigentlich befand. „Das ist aber ein – interessanter Namen. Mein Name ist Tyrrin.“

„Nein, das sagt mir nichts“, konstatierte die Briske. „Du bist kein Gewächs oder so, liege ich da richtig? Ich kenne mich nicht so gut aus mit den soliden Lebensformen. Du bist doch eine Lebensform?“

„Nun ...“, zögerte ich, „Ich denke schon.“

„Wusste ich‘s doch!“, sagte die Briske. „Aber jetzt vorbei mit den Albernheiten. Ich denke, du willst bestimmt zurück, weil du dich hier her verirrt hast. Es passiert nicht all zu oft, dass die Soliden auf unsere Wege finden. Viele von ihnen sind entweder zu groß oder nehmen gar nicht wahr, dass es Dinge gibt, die nicht derart an eine Form gebunden sind wie ihresgleichen ...“

„Eigentlich möchte ich mit Wen-N reden“, unterbrach ich das gesprächige Gewächs, welches sogleich stockte.

„Was ist ein Wen-N?“

„Es ist mir dort begegnet, wo ich in dieses ... Finsterdings gefallen bin. Jener Ort, an dem ich war, bevor ich hier her gekommen bin. – Ich glaube man nennt solche wie Wen-N und Ob-Gleich auch Spaltlichter“, fügte ich hinzu.

„Finsterdings? Ob-Gleich? Spaltlichter?“, wiederholte die Briske. „Nein, davon höre ich zum ersten Mal.“

„Das Tyrrin redet von den Leebeseelchen, Briske“, rief plötzlich eine andere und nicht weniger tiefe, brummelige Stimme aus einiger Entfernung links von mir. „Von wem sollte es sonst reden?“

„Wenn es die Lebeseelchen gemeint hat, warum hat es dann nicht Lebeseelchen gesagt?!“, pöbelte die Briske harsch zurück, verfiel jedoch sogleich wieder in den freundlichen Ton unserer Unterhaltung. „Dass diese Briske immer alles besser wissen muss ... – Nein, ich denke, ich kann dir da nicht weiterhelfen.“

Mir hingegen kam jedoch gleich ein neuer Gedanke.

„Ich weiß, dass man die Spaltlichter manchmal wohl auch ...“ Ich versuchte mich an Rivas Betonung zu erinnern, „... Dussgeiste oder Tuschelgeister nennt. Kann es sein, dass ihr sie bei euch vielleicht ...“

„Es meint die Lebeseelchen! Habe ich‘s dir nicht gesagt, Briske?!“, tönte es erneut aus der anderen bekannten Richtung.

„Schon gut, schon gut. Kein Grund gleich ausfallend zu werden, Briske“, erwiderte das Gewächs vor mir.

„Wer wird denn hier ausfallend, Briske?“, lachte die andere Briske, deren genauen Standort ich aktuell immer noch nicht zuzuordnen vermochte.

Die Briske vor mir machte den Eindruck sich erbost zu schütteln.

„Kannst du mir nun sagen, wo ich Wen-N finden kann?“, fragte ich, ehe die Unterhaltung zwischen den beiden Pflanzenwesen ausuferte. „Es kann mir bei meiner Suche nach Old Lady helfen – oder ...“ Mir kam noch eine Idee. „Sag, weißt du vielleicht, wo Old Lady ist?“

Obwohl die Briske keine Augen – oder auch nur so etwas wie einen Kopf – hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie mich eingehend betrachtete.

„Du sollst aufhören mit all diesen fremden Wörtern um dich zu werfen“, meinte die Baumgestalt in zunehmender Ungnade. „Was ist, Briske? Fällt dir nichts weiter dazu ein? – Sei ihr anderen Brisken allesamt nun ratlos?“

„Es würde mir schon helfen, wenn du mir verrätst, wo ich Wen-N finden könnte“, lenkte ich mit Vorsicht ein.

„Nein, wie du siehst, ist weder dieses Wen-N noch eines der anderen Lebeseelchen hier zugegen“, erwiderte die Briske missgestimmt. „Und ich denke sehr wohl, dass es für dich besser ist, wenn ich dich dorthin zurück schicke, wo du ... – Oh je ...“ Die Briske gab einen zutiefst mürrischen Laut von sich. „Das darf doch nicht wahr sein. Der Ausgang des Weges ist versperrt. – Ist es möglich, dass bei deinem Eintritt in den Durchgang etwas an diesem Ort geschehen ist?“

Ich erinnerte mich daran, dass ich, kurz bevor ich hier gelandet war, in Old Ladys ehemaliger Wohnung so ein Poltern jenseits der Kisten vernommen hatte. Es hatte schon irgendwie nach einem Umräumen und Umstellen geklungen.

„Sei‘s drum!“ Die Briske schüttelte sich und ich sah, wie die dunklen Schatten in ihrer Borke sich fließend in Bewegung setzten. „Ich bringe dich an einen anderen schönen Ort, der dir zweifellos gefallen wird. Die Flora zählt eher zu den schweigsamen, aber es ist dort sehr solide. Du magst es doch solide? Die Sorte Leben dort ist – wie ich mir sagen ließ – außerordentlich aufgeschlossen ...“

Ich spürte, wie etwas Körperloses, ja eine Art Sog von mir Besitz ergreifen wollte, und machte einen Satz zurück.

„Nein, nein, nein! Da will ich aber gar nicht hin!“, rief ich hastig. „Ich will mit Wen-N sprechen!“

Ich ergriff kurzerhand die Flucht, fort von diesen mehr als eigenartigen Baumwesen, ehe eines von ihnen irgendetwas zu erwidern vermochte. Gut, streng genommen, galt das nur für alle Briskenbäume in meiner unmittelbaren Nähe. Denn kaum hatte ich mich – nach meinem Ermessen – weit genug von diesen entfernt, meldeten sich sogleich ihre Artgenossen, die ganz plötzlich, nun und jetzt in meiner Nähe standen, jäh zu Wort.

„Oh, was bist du denn?“

„Schaut doch! Wir haben soliden Besuch!“

„Was will es hier?“

Egal welche Art von Bemerkung oder Frage mich empfing. Es war Grund genug meinen Weg nach vorne ohne Pause fortzusetzen. Ich hechtete über den weichen nebelhaften Sand, unter dem eigentümlich wabernden Himmel hinweg und immer weiter durch den schier endlosen Wald von vorlauten Brisken hindurch.

„Hoppla! Hoppla!“

Ich raste vorwärts und unbeirrt weiter.

„Nein! Wer hat sich denn hier her zu uns verirrt?“

Und nochmals voran und weiter.

Ich schlug einen Haken herum um einen Briskenbaum, der – wie mir schien – ganz plötzlich aus dem Nichts gekommen war. Oder lag es einfach nur daran, dass ich nach all den Erlebnissen des heutigen Tages meine Achtsamkeit Stück für Stück verlor?

Wie lange ich durch diesen Wald irrte, konnte ich nicht sagen. Ich war müde und schlich inzwischen mehr, als dass ich ging. Die Ausrufe und Bemerkungen der Brisken hörte ich schon gar nicht mehr. Und schließlich sah ich auch noch, wie die Welt in meinem Blick verschwamm …

Halt nein, Moment mal! Die Welt verschwamm gar nicht. – Sie verzerrte sich! Ja, sie verzerrte sich auf eine Weise, die ich schon genau zweimal gesehen hatte.

„Wen-N?“, keuchte ich, „Bist du das?“

Ich blieb stehen, um die mir bekannten Konturen des Spaltlichts zu erkennen, aber so sehr ich mich bemühte ... Ich sah sie nicht.

„Wen-N?“, wiederholte ich, dieses Mal bewusst leiser. Ich richtete meinen Blick eingängig auf die Verzerrung vor mir und machte mich auf, sie auf spitzen Pfoten sorgsam zu umrunden.

Doch. Ich war mit sicher, dass sie mich ansah – und dass auch sie mich aufmerksam beobachtete.

„Wen-N ist nicht hier“, sagte schließlich jemand. Allerdings nicht in der tiefen Weise, wie es die Brisken taten, sondern auf die flüsterhafte Art, die nur den Spaltlichtern so sehr besonders eigen war.

„Bist du es Ob-Gleich?“, wagte ich einen weiteren Versuch, heil froh und erleichtert endlich einen Anhaltspunkt und damit hoffentlich auch einen Weg aus diesem Wald gefunden zu haben.

„Ob-Gleich ist nicht hier“, antwortete das Wesen, das allein dadurch zu erkennen war, dass es den Blick auf die Welt verzerrte.

„Aber du bist doch ein Spaltlicht, nicht wahr?“, griff ich nach meinem letzten Strohhalm.

Und das Wesen kicherte – wenn auch ein bisschen zurückhaltender, als ich es von Wen-N kannte.

„Nennt man uns so in deiner Welt?“

„Als bist du eines!“, rief ich, mich mit größter Mühe zusammenreißend, um meine Lautstärke zu mäßigen. „Kannst du mir sagen, wo ich Wen-N finde? Wen-N ist auch ein Spaltlicht, weißt du?“

„Ich weiß“, flüsterte das Wesen und kicherte freundlich, „Ich weiß jedoch nicht, wo es sich jetzt in diesem Augenblick aufhält ... – Aber, wenn du es möchtest, bringe ich dich an einen Ort, wo man es dir bestimmt erzählen kann.“

„Oh, ja, wirklich?“, merkte ich auf und stellte fest, dass ich in der ganzen Aufregung doch glatt etwas vergessen hatte. „Mein Name ist übrigens Tyrrin. Und wie heißt du?“

Das verschwommene Wesen kicherte vergnügt.

„Mein Name ist N-Un.“

>> weiter geht's am 23. Januar 2018 mit Lektion 36 (Band 2) >>

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