Lektion 36 oder Ein Wolkenkind

„Du bist also solide?“

„Nun ja ...“, überlegte ich. „Ich weiß nicht so recht ...“

„Doch. Doch. Du siehst sehr solide aus.“

„Ja, finde ich auch. Eindeutig solide. – Wie ein Sonnenaufgang.“

„Was ist ein Sonnenaufgang?“

„Ja, bestimmt. Solide wie ein Sonnenaufgang.“

„Wenn ihr das sagt ...“, meinte ich unsicher und begann zu überlegen, wann sich N-Un endlich wieder hier blicken lassen würde.


„Warte hier, bis ich wieder komme“, hatte es gesagt. „Du kannst dort nicht mit hinein“, hatte es gesagt. „Aber ich werde mich beeilen, damit du nicht zu lange warten musst“, hatte es gesagt. Dann war es in diesem Stein verschwunden – obwohl Stein auch nicht der rechte Ausdruck für dieses Gebilde war. Es sah eher wie einer von Karels Bücherstapeln aus, nur dass diesem hier sämtliche Ecken und Kanten fehlten. Diese unzähligen waagerechten Rillen, die gewissermaßen zu flackern und, wie dieser Boden hier, zu stauben schienen, erinnerten mich schon sehr an diese muffigen Papierseiten. Allerdings hatte man diese Bücher nicht sonderlich sinnvoll aufeinander gelegt. Dieser Stapel oder dieses Gebilde verjüngte sich vom Steinsockel aufwärts zwar ein Stück, wurde dann aber wieder breiter, wand sich zugleich um seine Längsachse, verjüngte sich erneut und wand sich noch einmal in die andere Richtung. Ab dieser Stelle neigte sich dieser eigenartige Turm obendrein in ziemlich bedenklichem Maße zur Seite, um sogleich wieder breiter und in sich windender Weise schmaler und breiter und schmaler und breiter und so weiter zu werden. Schlussendlich erreichte dieses Gebilde eine Höhe, die mich um ein Vielfaches, das ich nicht zu zählen vermochte, überragte. Trotzdem. Es wirkte auf mich schon eine Spur zu unrealistisch. Vielleicht lag es daran, dass es langsam in sich rotierend vor sich hin wankte?

Die großräumige Lichtung, auf welcher N-Un mich allein zurückgelassen hatte, wirkte dahingegen viel unspektakulärer. Zumindest bis man sich, so wie ich, plötzlich gewahr wurde, dass es nicht an diesem nebelartigen Sandboden lag, dass sich dieser – ohne sich zu bewegen – bewegte. Wie es sich vor wenigen Augenblicken herausgestellt hatte, bestand der Grund dafür allein darin, dass ich lange nicht so alleine war, wie ich es bei meiner Ankunft angenommen hatte.


Bist du vielleicht ein Sonnenaufgang?“, fragte eines der vielen Stimmchen, die mich – wenn ich richtig sah – mittlerweile zur Gänze in einem unscharf verzerrten Pulk ohne jede Kontur umzingelt hatten. Genau wie N-Un hatten sie nicht diese menschenähnliche Gestalt aus Kopf, Rumpf und Gliedern, die ich an Wen-N gesehen hatte. Allesamt waren diese – wie ich mal schwer hoffte – Spaltlichter nichts weiter als viele große ungenaue Wasserflecken auf der fremden Welt, die ich hinter ihnen sehen konnte.

„Nein, du bist kein Sonnenaufgang“, widersprach ein anderes Stimmchen. „Ein Sonnenaufgang ist immer fern und niemals in der Nähe.“

„Stimmt, das habe ich auch gehört.“

„Ihr seid auch Spaltlichter, oder?“, fragte ich zur Sicherheit und tippelte zurück, um von den Wesen vor mir etwas Abstand zu gewinnen. Nur rangierte ich mich dadurch rittlings in das nicht weniger vorhandene Gedränge hinter mir hinein.

„Aber was bist du dann?“, überhörten sie mich glatt.

„Uh! Oh! Schau doch mal, du bist gemasert?!“, ertönte es dann plötzlich hinter mir.

„Ach ja, gemasert?!“

„Gemasert?!“

„Nein, bin ich nicht!“, widersprach ich vorsorglich beleidigt und wirbelte herum. Doch da war es schon zu spät.

Mein Pelz stäubte sich, ohne dass ich ihn selbst sträuben wollte. Ein dreister kalter Luftzug fuhr mir von hinten unters Fell, direkt auf meine Haut. Ich versuchte mich zur Wehr zu setzen, hatte aber keinen Schimmer, wo ich damit anfangen sollte. Stattdessen folgte noch ein Luftzug, diesmal von der Seite. Noch einer, hinauf an meinem Hinterlauf. Noch einer, von meinem Hals gleich in den Nacken. Noch einer, quer über Brust und Bauch.

Wie wild sprang ich umher, hastete völlig Kopflos über den Platz und um mich selbst herum.

„Mach Platz, ich will auch!“, riefen und kicherten die Wesen durcheinander. „Ich will auch!“

„Nein, nein, nein.“ Windend und schüttelnd tänzelte ich mich durch den aufgeregten und im Grunde unsichtbaren Pulk. „Ich will aber nicht! Ich will aber nicht!“

Von Kopf bis Fuß gegen den Strich gepustet, trat ich wie in Raserei umher, hieb nach allem, was sich durch irgendeine Form der Verzerrung zu manifestieren wagte und schnappte nach allem, was sich auch nur scheinbar regte.

„Hört sofort auf damit!“, brüllte ich in dieses vergnügte, aus dem Ungewissen – wie auch meinem Pelzwirrwarr – tönende Gelächter. Ich warf mich auf den Rücken, hinein in diesen nun ungestüm aufwirbelnden Nebelstaub und in der Hoffnung, dieses unfreiwillige Fellgestöber zu beenden. Ich fuhr die Krallen aus und fauchte ...

„Mahlzeit!“, flötete es zaghaft flüstern aber fröhlich über die von Wesen überfüllte Lichtung, auf welcher meines Erachtens jedoch nur ich allein zu sehen war.

Unter meinem Pelz war es auf einmal gähnend leer, was allerdings nicht hieß, dass es sich nun nicht mehr sträubte. Ehrlich gesagt, fühlte ich mich jetzt irgendwie entlüftet.

Von meiner verdrehten Position aus – auf dem Rücken liegend – sah ich, wie sich diese vielen, schwer auszumachenden Verzerrungen, die ich den Spaltlichtern zuordnete, vor dem großen schiefen Turmgebilde sammelten. Es war bei diesem Licht sehr schwer zu sagen, aber – liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen – ich hatte den Eindruck, dass diese Wesen inzwischen nicht mehr ganz so durchsichtig wie eben waren. Auf oder viel mehr in ihnen lag eine Art schleiergleiche graue Tönung, die bei genauerem Hinsehen ein schwarzes Streifenmuster aufwies, dass mir gewissermaßen bekannt vorkam.

Ich wälzte mich in Bauchlage und nahm eine beobachtende Haltung ein. Offenbar hatten diese unzähligen, flatterhaften Wesen einfach so jedes Interesse an mir verloren. Stattdessen konzentrierten sie sich auf eines von ihnen, das sich auf einem aus diesem grauen Nebelsand herauswachsenden Hügel wie auf einem Podest erhob. Jedenfalls nahm ich an, dass auf dieser größer werdenden Anhäufung ein Spaltlichtwesen stand. Zum einen verzerrte sich das ohnehin verschwommene Bild des dahinter gelegenen und sacht wankenden Turms noch etwas mehr. Zum anderen wäre diese Szenerie, wenn es nicht so gewesen wäre, durchaus gewissermaßen unsinnig gewesen.

„Hört. Hört“, bestätigte das Stimmchen, das soeben zu dieser Versammlung aufgerufen hatte, meine Vermutung.

„Hört. Hört“, wiederholten die anderen Stimmchen nach und nach seine Worte. „Hört. Hört.“ – „Hört. Hört.“

„Seht. Seht.“

„Seht. Seht.“ – „Seht. Seht.“ – „Seht. Seht.“

„Fühlt. Fühlt.“

„Fühlt. Fühlt.“ – „Fühlt. Fühlt.“ – „Fühlt. Fühlt.“

Dann verstummte das Echo. Und das Spaltlicht auf dem Hügel änderte allmählich seine Farbe. – Nein, es nahm eine Farbe an. – Nein, mehrere Farben. – Nein, es erschuf und zeigte durch sich selbst ein ganzes Bild. Ein Bild, das sich, genau wie das eben verflogene Echo der Stimmchen jetzt auch unzählige Male in der so ungewisse erscheinenden Gruppe von Spaltlichtwesen wiederholte. Und kaum war dies geschehen, ergriff das eine Stimmchen vorn erneut das Wort – und sang ...


„Wer weiß, was in dem Über lebt?
Wer weiß, was es dort macht?
Wer weiß, ob‘s genau ist wie wir?
Wer weiß, was es bewegt?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.“


Ich sah, wie sich mit jeder gesungenen Passage die Bilder in den Spaltlichtern veränderten. Nur war das, was ich in ihnen sah, nicht mit den Worten zu beschreiben, die ich in der Menschen- oder meiner Muttersprache kannte. Es war zu fremd, wie von einer fernen, unbekannten Welt, die nicht dazu gedacht war, von mir gesehen zu werden. Deshalb tat ich, wozu das Spaltlicht auf dem Hügel zuvor geraten hatte. Ich sah, was ich sah. Ich hörte behutsam, was ich hörte. Und ich fühlte, was ich zu fühlen meinte ...


„Man fragt sich, wie ist‘s dahin gekommen.
Man fragt sich, was hat‘s dort hingeführt.
Man fragt sich, was mag es halten dort.
Man fragt sich, ob‘s ist alleine.

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.

Ob es träumt vom Leben hier?
Ob es träumt von großen Gebirgen?
Ob es träumt vom Himmelsschloss?
Ob es träumt von fremden Sternen?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.

Sehnt es sich nach Freud und Leid?
Sehnt es sich nach Liebe?
Sehnt es sich nach großem Schreck?
Sehnt es sich nach Stille?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.

Sieht es von dort das Geschehen hier?
Sieht es von dort das Glück und all die Pein?
Sieht es von dort jeden von uns?
Sieht es von dort was wir tun?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.

Denkt es an uns in Wohlwollen?
Denkt es an uns in bloßer Scham?
Denkt es an uns in Mitgefühl?
Denkt es an uns voller Zorn?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.

Mag es etwas verändern woll‘n?
Mag es die Augen verschließen?
Mag es sich fürchten vor dem, was wir sind?
Mag es uns doch bald verlassen?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.

Werden wir je von ihm ein Zeichen seh‘n?
Werden wir je etwas von ihm hören?
Werden wir je begreifen, wie es fühlt?
Werden wir je unser Wesen verstehen?

Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.
Es lebte einst ein Wolkenkind, fernab in weiter Höhe.
Es sah das Nah‘, es sah die Fern‘, vom Grund bis zum Gestirne.“


Der letzte Ton verklang. Die letzten Bilder erloschen und ich stellte sowohl überrascht als auch selig zufrieden fest, dass ich mich satt, erholt und zugleich ein Stück bereicherte fühlte. Es war fast, als wäre in den vergangenen Tagen nichts Aufregendes geschehen und eben doch eine ganze Menge.

Beinahe ein bisschen träge blickte ich mich um. Den zahlreichen Spaltlichtern auf der Lichtung schien es ebenso zu gehen. Aus dem fidelem Kichern und Tuscheln war ein genüssliches Seufzen geworden.

„Bitte entschuldige die Unannehmlichkeiten“, flüsterte ein Stimmchen neben mir. Ich sah in seine Richtung, wo ich eine dieser verschwommenen Verzerrungen entdeckte. „Wir bekommen hier nicht oft Besuch. Schon gar nicht aus den soliden Welten. Unsere jüngsten gieren nach jedem Funken Erfahrung, den sie bekommen können. – Sie sind sich der Regularien im Umgang mit Weltenfremden noch nicht ausreichend bewusst und können etwas aufdringlich werden, wenn ihr Appetit zu groß wird. Doch jetzt, nachdem das Mahl getilgt ist, sollten wir alle genügend Ausdauer und Muße haben, ums in Ruhe zu unter halten, nicht war? – Es hat dir doch ... gemundet – wie man bei euch sagt? Ich habe Un-D gebeten, eine besonders reichhaltige Geschichte voller Gedanken- und Gefühlsgut auszuwählen.“

„Mein Name ist Tyrrin“, sagte ich, weil ich mir nicht sicher war, was ich auf diese gesammelten Informationen erwidern sollte. Anscheinend standen die Spaltlichter den Menschen im Hinblick auf das Vorhandensein von Eigenartigkeiten in keiner Weise nach. „Wie heißt du?“

„Ich bin A-Ber, doch das ist nicht wichtig“, sagte das Stimmchen.

„Ach, nein?“ Ich setzte mich auf, um die zunehmende Trägheit abzuschütteln.

„N-Un sagt, dass du nach Wen-N suchst“, fuhr A-Ber fort.

Ich nickte.

„Ich nehme an, diese Geste kommt in deinem Kulturkreis einer Zusage gleich“, schlussfolgerte das Spaltlicht.

Ich zögerte und nickte noch einmal – quasi auf gut Glück.

„Ich kenne Wesen wie dich. Und ich kenne die Welt, aus der du kommst.“ Die unstete Erscheinung begann mich musternd zu umkreisen. Ich folgte ihr mit meinem Blick. „Aber du – du bist nicht, wie du sein solltest.“

Ich schwieg. Zwar meinte ich zu begreifen, was dieses Wesen mir da sagen wollte. Jedoch fragte ich mich, was es mit seinen Worten bezweckte.

„Sei unbesorgt“, sprach das Stimmchen schließlich, „Im Augenblick ist das für dich von Vorteil. – Du könntest sogar ohne Strafe ausgehen.“

>> weiter mit Lektion 37 (Band 2) >>

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