Lektion 39 oder Wie ich meine Maserung entdeckte

Nun gut. Es war dunkel. Es roch unangenehm. Es war viel zu eng. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Boden unter meinen Pfoten nicht so solide war, wie er eigentlich zu sein hatte, und – nun, ja – schwankte ... Alles in Allem war es ungemütlich.

„Wie lange wollen wir noch hier drinnen warten?“, flüsterte ich.

„Ich weiß nicht“, meinte Wen-N. „Können wir denn irgendwo anders hin?“

„Ich dachte, da draußen ist jemand?!“, erwiderte ich unwirsch.

„Ja.“

„Aber warum macht dieser jemand denn dann nichts?“

„Oh ... Sollte er es denn?“

Fragend blickten wir uns an. Na ja, streng genommen blickte ich nur ich Wen-N fragend an. Da das Spaltlicht trotz seiner menschenähnlichen Kontur aber keine Augen besaß, war es schwer zu sagen, wie oder ob es mich überhaupt anblickte.

„Mir reicht‘s. Ich geh jetzt raus und sehe mal nach“, beschloss ich. Diese – wie sich herausgestellt hatte – Kiste mit dem Vorhang war schlicht und einfach viel zu eng, um noch länger darin herumzukauern.

„Ja, wenn wir das denn dürfen ...“, staunte Wen-N.

„Möchtest du mitkommen?“, fragte ich.

„Gerne“, quiekte Wen-N, doch die Freude verflog sofort, als es sich seiner neuen Situation bewusst wurde. „Zurück kann ich jetzt schließlich nicht mehr“, meinte es betrübt. „Und jenseits des geschützten Dunkels ... Das Licht der soliden Welten bekommt uns nicht gut, weißt du?“

„Nein, das wusste ich nicht.“

„Doch, doch“, beteuerte Wen-N, „Genau deswegen achten wir Spaltlichter stets darauf, in der Nähe einer schönen dunklen Maserung zu bleiben. Die Brisken stehen mit den Hölzern der soliden Gewächse in Verbindung, weißt du?“

„Nein, das wusste ich auch nicht.“

„Doch, doch. Es geht um die Schatten, welche die Linien der Maserung in sich werfen. Selbst wenn plötzlich helles Licht auf uns hernieder fällt, können wir einfach dort hineinschlüpfen und sind vor dem soliden Strahlenlicht dann sicher. Und weißt du, wenn wir im Zweifel etwas Glück haben, steht mit der Maserung auch eine Briske in Verbindung und bringt und umgehend nach hause ...“ Wen-N stockte. „Nach hause ...“

„Was ist eine Maserung?“, fragte ich, bevor die plötzlich eingetretene Stille unbehaglich wurde. „Die anderen Spaltlichter hatten gesagt, ich sei gemasert ...“

„Nein, nein.“ Wen-N klang, als würde scheu lächeln. „Eine Maserung findet sich zumeist an Bäumen. Es hat etwas mit den Wechsel von hell und dunkel auf einer an sich glatten Oberfläche zu tun, glaub ich ...“

„Ah ...“, begriff ich – mehr oder weniger jedenfalls. „So ist das also ...“

„T-t-t-tyrrin?“

Ich horchte auf, aber ich hörte nicht. Denn noch im selben Moment, in welchem mein Name auf diese besondere Art erklungen war ...


Ich war wieder an diesem Ort. In diesem Raum. Dieser schmalen Kammer mit den Stufen und ... Ja, ich weiß, natürlich war ich nicht mehr dort, aber diese Erinnerungen rollten auf ein Neues über mich hinweg. Dieser unsichtbare Ruck, der mich – nein, uns – durchfahren hatte. Dieser schmerzhafte Sturz, der mir – nein, uns – beinahe die Besinnung geraubt hatte. Dieses dunkelrote und sich langsam ausbreitende Nass, das mich – nein, uns – geradezu schamlos besudelt hatte und immer noch dicht, wenn auch nicht ganz so streng in dieser umso stickigeren Luft lag und – wie sollte es anders sein – mir selbst in meinem Pelz, an meinen Pfoten unentwegt anhaftete. Aber nicht nur mir. Denn in jenem Raum hatte ich etwas – nein jemanden – ganz einfach so und in aller Hast und Panik, in welcher ich gewesen war, zurückgelassen. Dabei hatte ich docj nicht anders gekonnt, ging es plötzlich in mir auf. Und was hätte ich auch anderes machen sollen? Mich übermannte ein aufreibendes Gefühl von Reue, Wehmut und ein schmerzliches Unbehagen. – Es tat mir plötzlich und zutiefst in meiner Seele leid.


„Du träumst ...“, murmelte Joscha und ich vernahm ein leises Rascheln, das ich von daher kannte, wenn Karel wieder einmal zu viel schlief und sich – statt mich mit ausreichend Aufmerksamkeit und Würdigung zu beehren – einfach umdrehte.

Vorsichtig schob ich meinen Kopf an der einen Seite des Vorhangs hindurch, der die Kiste, in welcher Wen-N und ich gemeinsam hockten, an der einen Seite abschloss. Ja, und jetzt verstand ich auch endlich, wo ich hier überhaupt war. Wen-N und ich saßen nicht zum ersten Mal in diesem würfelhaften Kasten. Wie ich endlich begriff, handelte es sich eindeutig um die Vorrichtung, an jenem eigentümlichen Tischgebilde, mit dessen Hilfe Riva und ich erst den Kontakt zu Ob-Gleich und später – in Begleitung von Joscha und Karel – zu Wen-N aufgenommen hatten. Seltsam war nur der Ort, an welchem sich dieser Tisch befand.

Ich lugte ein Stück weiter aus dem bevorhangten Kasten hervor. Es war stockdunkel. Nur der Muff von alten Dingen und – ja, nun, auch sehr deutlich – von Wasser, nein, Regen, nein, es roch wie mit Erde versetztes Wasser ...

Ich setzte eine Pfote voran. Und wieder gewann ich diesen Eindruck, dass der Boden nicht richtig solide war. Er war ohne Frage fest und hart, dennoch schien er sich langsam und stetig zu bewegen.

„Tyrrin, warte auf mich!“, flüsterte Wen-N, welches sich weiterhin hinter dem Vorhang verbarg und – sofern ich mich nicht täuschte – irgendwie mit sich haderte. „Ah ... Maserung! Jetzt verstehe ich ...“

Etwas an dem Ton, wie es diese Worte sagte, gefiel mir nicht.

„Was verstehst du ... Jiehk!

Ein kalter dichter und ungewöhnlich schwerer Luftzug raste frech durch meinen Pelz, von meiner Hüfte direkt hinauf in meinen Nacken. – Und er blieb dort stecken!

„Iihhh! Ihh! Nein, was machst du denn?!“, rief ich und zog schleunigst meinen Kopf zurück in unsern Kasten. Hastig verdrehte ich mich ungelenk und in mich selbst, um mich gegen dieses unsinnige Gewicht knapp über meinen Schulterblättern zu wehren. Doch da bemerkte ich, dass Wen-N jetzt in der Kiste fehlte. „Wen-N?“

„Es ist dein Fell, Tyrrin“, hörte ich das Spaltlichtstimmchen jetzt dicht an meinem, nein vielmehr in einem meiner Ohren flüstern. „Die schwarzen und grauen Streifen gleichen einer Maserung – ähnlich wie bei dem Holz der Bäume in dieser Welt.“

„Ich bin aber kein Baum“, widersetzte ich mich erbost und machte mich daran mit meinem Hinterlauf einmal gehörig in meinem Nacken herum zu jucken.

„Jedsd habbe ich es auch gehörrd.“

Eine leises, kurzes Zischen ertönte und ein unstet flackerndes Schimmern drang an den Seiten des Vorhangs vorbei in unsere Kiste.

„T-tyrrin? B-bist du hier i-irgendwo?“

„Wir haben ihn seit der Uhrenschau nicht mehr gesehen. Wie also soll er bitte hier her gekommen sein?“

„Drodsdemm.“ Das war Riva. „Dord ist edwas.“

„Was weiß ich, Mäuse oder Ratten vielleicht.“ Joscha gähnte. „Das kommt hin und wieder vor auf einem Schiff.“

Es bestand kein Zweifel. Das da waren eindeutig Riva, Karel und Joscha.

Erneut reckte ich meinen Kopf unter dem dicken, lichtundurchlässigen Stoff des Vorhangs hindurch. Doch im Unterschied zum ersten Mal erblickte ich nun eine ganze Menge. Und das lag ganz bestimmt nicht daran, dass ich durch das bisschen Kerzenlicht endlich überhaupt etwas erblickte, sondern an einer ganzen Menge eben.

Wir befanden uns in einem Zimmer. So viel stand auf alle Fälle fest. Es war nicht besonders groß – und falls doch, dann sah man von dieser Größe nichts. Denn unter der ungewöhnlich tief liegenden Zimmerdecke stapelten sich breite, sperrige Kisten, aus denen hier und da die Zipfel von Stofflaken oder einzelne Fasern und ganze Knäuels von in sich verknickten Halmen hervorguckten. Zwischen diesen Kisten standen darüber hinaus weitere Dinge, die ich als zumeist hölzerne aber auch metallene Möbel ausmachte. Ich entdeckte Stühle, in einander verschränkte Tische, sogar einen großen, klobigen Kasten, der halbherzig mit einem dieser ausgedehnteren Lakenzipfel abgedeckt war. Eigenartig war zudem, dass alle diese Sachen mit groben, dicken Stricken gefesselt waren. Auch über meinen Tisch mit diesem Kasten erstreckte sich eine solche Vorrichtung direkt vor meinen Pfoten. Als ich einen Blick nach oben warf, bemerkte ich, dass ebenso der Holzkasten zu einem Großteil unter einem Tuch versteckt war und dass darüber an der Decke mit den Stricken und – wenn ich recht sah – Haken und Ösen befestigt ein in sich verbauter Stapel von Stühlen hing.

Vor lauter Mobiliar hatte ich Riva, Karel und Joscha auf den ersten Blick gar nicht so recht wahrgenommen. Sie alle fügten sich nämlich beinahe nahtlos in das Bild der Kisten, Tücher und Seile ein.

Riva war im Besitz der spärlichen Lichtquelle, einer kleinen Kerze auf einer Art Tellervorrichtung. Die blasse Menschenfrau mit den markanten Gesichtszügen und den großen Augen hatte es sich offenbar unter einem der abgedeckten Tische bequem gemacht. Ihr gegen über auf der anderen Seite des schmalen Durchgangs, der scheinbar bis hin zu meinem Tisch längs durch den ganzen Raum verlief, lagen oder saßen Joscha und Karel. Letzterer hatte sich wie Riva unter einem dieser verpackten Tische einquartiert, nur schaute er wie gewohnt verdattert zwischen einem kantigen Holzbein und einer dicken Lage Tuch hervor. Joscha hingegen saß halb liegend aufgestützt auf der breiten, ebenen Fläche gleich darüber. Sich selbst hatte er ebenfalls mit einem dieser Tücher abgedeckt. Allem Anschein nach hatte er versucht, die gegebenen Örtlichkeiten einem Bett nachzuempfinden. Rivas kleines Licht reichte allerdings nur wenige Meter weit, weshalb ich die kleine Menschengruppe in geringer Ferne gut erkennen konnte, den Durchgang vor mir jedoch lediglich als groben Schemen ausmachte. Außerdem war ich mir sicher, dass dieses Sehen-und-Gesehenwerden allein in eine Richtung funktionierte, wodurch ich für die Menschen entweder gar nicht oder bestenfalls als dunkler grauer Fleck zwischen dunklen grauen Flecken zu sehen war.
Ich kroch behutsam aus dem Kastengebilde heraus und setzte mich, nachdem ich über die teils in Stoff verpackten Stricke gestiegen war, an die vorderste Kante der Tischplatte.

„Was ist, Tyrrin?“, hörte ich Wen-N aus dem dichten Gefüge meines Pelzes wispern. „Sie suchen nach dir.“

„Ich weiß“, flüsterte ich, „Aber etwas stimmt nicht.“


„Wenn ihr meint, dass ihr etwas gehört habt, dann müsst ihr eben nachsehen“, brummte Joscha ungnädig, „Andernfalls macht gefälligst das Licht aus. Es gibt hier Leute, die in dieser Nacht noch schlafen wollen.“


In der Tat, da war noch etwas. Etwas, dass ich übersehen hatte.


Riva und Karel warfen sich abstimmende Blicke zu, während Joscha sich seufzend in die Rückenlage sinken ließ.

„Dord warr auf jedden Fall edwas“, raunte die Menschenfrau und hob die Kerze, wodurch der Gang kaum merklich weiter ausgeleuchtet wurde.


Ja, genau. Dieser Geruch kam mir in den Sinn. Nicht der von Holz und Wasser oder Muff ...


„T-tyrrin? Bist d-du das ...?“ Karel bemühte sich, sich unbeholfen unter Joschas Schalftisch hervorzurappeln.


Es war dieser metallisch süßliche ... Der Geruch von warmen Blut!


Ein Ruck durchfuhr plötzlich meinen Tisch, gefolgt von ächzendem Gestöhne.

Ich sprang auf. Sprang in die Luft. Ohne klare Richtung, nur von diesem Möbelstück hinunter. Instinktiv in den – wie ich vermutete – Gang hinein ... Jedoch ... Ich hatte falsch vermutet.

Ich landete. Nicht auf solidem, harten Boden. Sondern weich. Nicht so weich wie auf einer Decke oder einem Polster. Und ich landet warm! Auf einem fremden Körper, der laut und krächzend aufbrüllte, sich aufbäumte, wild und wahllos um sich langte – und mich von allen Seiten unter begrabend schlussendlich mit Haut und Haar verschlang.

>> weiter geht's am 3. Mai 2018 mit Lektion 40 (Band 2) >>

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